Unsere Besten

Januar 5, 2009

Zehn Folgen „Die Deutschen“ (ZDF) in kurzen Zeitabständen zu schauen war eine ausgesprochen schlechte Idee.
Die gesamte Produktion scheitert nicht nur bei der Vermittlung von geschichtlichem Halbwissen und in Punkto Unterhaltung sondern schafft es noch nicht einmal einigermaßen subtile Propaganda zu betreiben.

Die Serie lief vom 26. Oktober (Teil 1) bis zum 25. November 2008  Behandelt wird ein Zeitraum von etwa 1000 Jahren in 10 episodenhaften Teilen, die jeweils etwa 40 Minuten lang sind. Ausgestrahlt wurden die einzelnen Folgen im Wechsel Sonntags 19.30 Uhr und Dienstags 20.15 Uhr.
Ziel ist, eine Geschichte der Deutschen zu konstruieren, eine zusammenhängende Serie zu schaffen statt jedes Thema für sich zu beleuchten.
Fluchtpunkt ist selbstverständlich nicht der Zivilisationsbruch Nationalsozialismus und Shoa, sondern die bundesrepublikanische Gegenwart, das heutige Deutschland in den Grenzen von 1990. Der Status Quo ist nicht nur das sprichwörtliche Ende der Geschichte sondern auch stets die Versicherung dass „noch mal alles gut gegangen sei“. Persönlichkeiten wie Otto I, Martin Luther und Bismarck tragen mit ihren sehr unterschiedlichen Interessen und ganz ohne es zu wissen ihren Teil zur deutschen Einheit bei. So verwundert es auch nicht, dass die Machtverteilung zwischen Kaiser und Fürsten im Heiligen Römischen Reich als Vorläufer des bundesrepublikanischen Föderalismus gedeutet wird ohne das tatsächliche Vorbild zu nennen (die USA). An diesem Punkt wird nicht Halbbildung vermittelt sondern schlichtweg Falsches. Derlei Fehler sind schon zu Genüge kritisiert worden mit dem Hinweis, dass es sich ja ohnehin nur um „Histotainment“ handle. Die politische Dimension einer zehnteiligen Serie, die im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen einen gute Sendeplätze hatte und jetzt im Internet gestreamt werden kann sollte jedoch nicht unterschätzt werden.
Der totale Anspruch, die Geschichte Mitteleuropas als eine genuin deutsche zu begreifen führt zu einer gewaltsamen Vereinnahmung dieser. Zugunsten dieser einheitlichen Darstellung fängt die Erzählung erst nach dem Migrationsprozess der Spätantike (früher: Völkerwanderung) an, da Migration ja grundsätzlich die völkische Einheit von Volk und Scholle in Frage stellt und die Identifikation Deutsche = Germanen erschwert. Wo historische Fragestellungen nicht eindeutig beantwortet werden können wie beispielsweise die Gründung des Heiligen Römischen Reiches wird einfach der frühstmögliche Zeitpunkt gewählt, die Krönung Otto I. Gleiches gilt für die Geburtsstunde der „Deutschen“. Diese wird in der ersten Folge mit der Schlacht auf dem Lechfeld (955) angesetzt, in dessen Darstellung die „deutschen“ Stämme wie die Reiter von Rohan das militärisch unterlegene Ostvolk der Magyaren wegmetzeln bzw. aufhängen. Die Deutung der Schlacht beinhaltet den Ursprung der Identität als Auseinandersetzung mit einem gemeinsamen Feind, die damalige Herrschaftsordnung, die unabhängig von Stammeszugehörigkeit zur Militärhilfe verpflichtete wird ebenso ausgeblendet wie die Teilnahme Böhmens.
Ähnlich fällt die Bewertung historischer Ereignisse in den übrigen Folgen aus. Eine Einleitung mit gehörig Pathos gibt die Richtung vor, ein paar blutige Konflikte später steht dann fest, was die historischen Persönlichkeiten (Schauspieler) für oder gegen Deutschland getan haben. Sehr gnädig fällt die Darstellung Luthers aus, der nicht nur für seine Filmrolle abgespeckt wird sondern auch noch in der Montage gut wegkommt. Sein Antisemitismus und die Unterstützung der Hexenverfolgung werden zugunsten einer erotischen Szene mit seiner Frau Katharina von Bora einfach weg gelassen, sein Engagement für die herrschende Klasse in den Bauernkriegen zwar kritisch hinterfragt aber in der Gegenüberstellung mit den allzu radikalen und gewalttätigen Bauern plausibel gemacht, er ist ein Mann der Mitte und darüber hinaus ein Förderer der deutschen Sprache.
Nur einmal wird Antisemitismus erwähnt, nicht etwa im Ausblick auf das 20. Jahrhundert in Episode 10 sondern in der Folge zu Robert Blum und 1848 wird in einem Nebensatz im Kommentar gesagt, dass es im ländlichen Raum antisemitische Ausschreitung gegeben hätte. Über die Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest 1817 kann die Serie nicht berichten. Da ist leider eine Lücke von 1815 an (hier wieder eine lustige Föderalismus-Parallele), da die nächste Folge erst im Vormärz wieder etwas über die deutsche Geschichte zu sagen hat. Hier wird das Konzept der Serie ausgereizt um ja nicht das Gesamtziel zu verfehlen.
So wie die Historiker mit ihren O-Tönen die Spielfilmhandlung unterbrechen um das zu wiederholen was schon der Erzählerkommentar gesagt hat so wird dem deutschen Zuschauer das beigebracht, was er ohnehin schon weiss aber gerne bestätigt haben möchte. Nämlich dass man, wie Frank-Lothar Kroll in der letzten Folge sagt, es dem Deutschen Reich nicht vorwerfen könne gemacht zu haben, was andere Großmächte auch gemacht hätten (gemeint ist das Streben nach Weltmacht). Dass die Deutschen in ihren Kolonien noch ganz andere Sachen gemacht haben wird freilich nicht erwähnt. Nach einer Sequenz über den Boxeraufstand und dessen Niederschlagung darf Michael Stürmer von „männlichen Kraftsprüchen“ hinter denen nicht unbedingt böse Absichten gesteckt hätten reden. Daraus lässt sich nur folgern, dass die Engländer als sie die Hunnenrede ernst nahmen einer völlig falschen Interpretation folgten. Heute weiss man es ja besser.

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