Steamboy oder die Kritik der instrumentellen Vernunft

Januar 12, 2009

Ein wirklich interessantes Kulturindustrieprodukt ist der Anime „Steamboy”. Der Film behandelt die Rolle der Wissenschaft im Zusammenhang mit Staat und Ökonomie. (Selbstverständlich alles Sci-Fi-Versionen des steampunk-neunzehnten Jahrhunderts.)

James Ray Steam ist Erfinder in der dritten Generation. Sein Vater Edward und sein Großvater Lloyd arbeiten als Ingenieure für die O’Hara Group, eine extrem mächtige Maschinenbau- und Rüstungsfirma. Eines Tages erhält Ray einen Brief von seinem Großvater und eine Metallkugel mit Ventil – den Steamball. Die Bedeutung dieser Konstruktion wird erst im weiteren Verlauf der Handlung deutlich, als zwei Angestellte der O’Hara Group versuchen sich den Steamball gewaltsam anzueignen, was in der Zerstörung von Rays Elternhaus durch eine Art Amphibien-Dampfpanzer endet. Ray kann jedoch auf einem selbstgebauten Dampf-Einrad fliehen um die Anweisung seines Großvaters, den Steamball nicht der Organisation zu geben, zu befolgen.

Nachdem er nach einer Verfolgungsjagd den O’Hara-Männern in einen fahrenden Zug entkommen kann trifft Ray dort zufällig auf Robert Stephenson, den von Rays Großvater favorisierten Empfänger. Es wird angedeutet, dass Stephenson, ebenfalls Ingenieur, auf der Seite des British Empire steht und der O’Hara Group misstraut. Dieser gelingt es wiederum, Ray mitsamt dem Steamball aus dem Zugabteil zu entführen. In London lernt er seine Entführer kennen und trifft seinen Vater Edward wieder, der körperlich wie geistig verändert von einem Unfall (der zur Nutzbarmachung des Steamballs führte), fanatisch an der Entwicklung des sog. Steamcastle arbeitet. Dieses montröse Bauwerk wird von Edward bei Rays erster Begehung zusammen mit Scarlett, der Tochter des Vorsitzenden der O’Hara Group,  als universell einsetzbares Kraftwerk präsentiert, welches durch die Energie mehrerer Steamballs betrieben, den technologischen Fortschritt der gesamten Menschheit garantiere – und eine vorteilhafte Markposition der O’Hara Group, wie Scarlett einwirft. Am nächsten Tag trifft Ray bei Wartungsarbeiten im Steamcastle auf seinen Großvater Lloyd, der inzwischen aus seiner Zelle im Steam Castle ausgebrochen ist und nun versucht, das Steamcastle vor seiner Fertigstellung zur Weltausstellung zu sabotieren. Lloyd zeigt Ray die aktuelle Verwendung des Steam„castle” und meint damit die Dialektik des Fortschritts.

Die Steamballs können sowohl als ziviles Werkzeug als auch als Waffen eingesetzt werden. Somit ergibt sich eine direkte Analogie zur Atomenergie. Die militärische Nutzung der Technologie ist in ihr selbst angelegt und wird von der Rüstungsindustrie wie der Regierung gleichermaßen beansprucht. Ray sieht steht vor der Entscheidung für eine Seite, kann sich zuerst nicht seinem Großvater anschließen, er ist unsicher, die instrumentelle Vernunft seines Vaters, die in ihrer Zielsetzung freilich irrational ist, scheint aus der Innenperspektive durchaus konsequent und schlüssig. Lloyd dagegen, nur mit einer Hose bekleidet und barfuß scheint zunächst der (antimodern-romantische) Verrückte zu sein. Er scheint außerdem weder Adorno noch Horkheimer gelesen zu haben, seine Kritik ist richtig aber dennoch idealistisch/naiv geprägt. Rays Entscheidung fällt erst als die Agenten der O’Hara Group selbst vor Schusswaffengebrauchen nicht Halt machen um die erneute Entwendung des Steam Balls zu verhindern. Während der Großvater leicht verletzt im Steamcastle zurückbleibt, kann Ray fliehen, wird aber sofort von einem Kriegsschiff der britischen Flotte aufgelesen. Ray scheint nach der Aufklärung über die O’Hara Group kritischer geworden zu sein, er fragt vor der Übergabe des Steamballs an Stephenson diesen nach dem Nutzen von Erfindungen und Wissenschaft, worauf jener antwortet, dass die Wissenschaft für das Glück der Menschen da sei. Ray, offensichtlich zufrieden mit dieser Antwort, übergibt den Steamball, worauf Stephenson hinzufügt, dass die Wissenschaft zwar für die Menschen da sei, der Staat aber letztlich Quelle des Wohlstands sei und dass es kein Glück ohne Regierung geben könne. Durch einen Zufall entkommt Ray jedoch wiederum, um in das mittlerweile aktivierte Steamcastle (nun eine schwebende Festung) zurück zu gelangen, welches dabei ist London dem Erdboden gleich zu machen. Die restliche Handlung des Films wird trotz der Inhaltsangabe bis hier nicht verraten.

Wir waren freudig überrascht, in einem Anime mit Steampunk-Setting, welches üblicherweise das regressive Bedürfnis nach Retrofuturismus und Fortschrittsgläubigkeit bedient, gleich noch die Kritik dazu zu bekommen. Bo! Bo! Respect! Yüüüüaaar! Brrrrrrrrrrek!

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